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Ellrich - eine Stadt in Bewegung

Zu einer Neuerscheinung im Buchhandel: Männer aus Ellrich im Dienst der Niederländischen Ostindien-Kompanie (1700–1800)

Ellrich, den 11.08.2017

Heinrich von Kleist ließ in seinem Lustspiel „Der zerbrochene Krug“, das in einem Dorf in den Niederlanden handelt, den Dorfrichter Adam äußern:

„Geht nach Ostindien, und von dort, Ihr wisst,

Kehrt von drei Männern einer nur zurück.“

Doch Ruprecht, Sohn eines Bauern, brauchte zur Freude seiner Verlobten Eve den gefährlichen Dienst in Ostindien nicht anzutreten.

Im wirklichen Leben sah es ganz anders aus. Und es waren neben den Niederländern junge Männer aus den deutschen Territorien im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, die sich freiwillig in den Dienst der Niederländischen Ostindien-Kompanie begaben.

Die Vereinigte Ostindische Kompanie der Niederlande (VOC) entstand im Jahre 1602 durch den Zusammenschluss mehrerer Gesellschaften, die alle am Handel mit Gewürzen aus dem fernen Asien interessiert waren. Aus diesem Handel mit „Ostindien“ – das waren die Küsten des indischen Subkontinents, Ceylon (Sri Lanka), der Indonesische Archipel, Formosa (Taiwan), China und Japan, sollten sie dann märchenhafte Gewinne erzielen. Denn es gelang der VOC im Verlauf des 17. Jahrhunderts, die mit ihr konkurrierenden Portugiesen, die Spanier und zunächst selbst die Engländer zu verdrängen und in den genannten Gebieten Handelsposten zu errichten, einen Teil auch militärische zu unterwerfen und von ihrem Zentrum Batavia (Jakarta) zu beherrschen. Das Goldene Zeitalter der Niederlande brach an, in dem auch die Wissenschaften und Künste eine Blütezeit erlebten.

Auf ihren Werften in Amsterdam, Rotterdam, Delft, Hoorn und Enkhuizen baute die VOC bis 1795 fast eineinhalbtausend hochseetüchtige Segelschiffe, die sowohl erstaunliche Frachten befördern konnten als auch mit Kanonen bestückt waren, um Piraten und Konkurrenten abwehren zu können. Dafür benötigte sie –zigtausende Matrosen und Soldaten, ebenso tausende Soldaten für ihre Stützpunkte, wo die „Pfeffersäcke“ auch vor brutaler Gewaltanwendung nicht zurückschreckten, um ihre Profite zu sichern. Von 1602 bis zum 1. Januar 1800, als die VOC zu bestehen aufhörte, gingen etwa 973.000 Personen in ihrem Dienst nach Asien, und nur etwa ein Drittel, 366.900, kehrte wieder zurück. Etwa die Hälfte aller Ostindienfahrer waren Ausländer, und unter ihnen stellten die Deutschen den Löwenanteil. Heinrich von Kleist schrieb sein Lustspiel kurz nach 1800. Die Aussage des Dorfrichters Adam ist historisch korrekt.

Ob aus Wernigerode, Quedlinburg, Nordhausen oder Erfurt, von überall her strömten Bewerber in die Ostindienhäuser der VOC. Und es waren auch Männer aus Ellrich dabei. Von den fünfzehn namhaft gemachten Ellricher Ostindienfahrern soll hier nur einer vorgestellt werden. Johann Anton Becker war der Sohn Johann Joachim Beckers, des Ellricher Stadtkämmerers, der 1702 Bürgermeister wurde und 1717 verstarb. Sein Sohn Johann Anton wurde am 13. November 1688 getauft und war später Student in Halle. Eine Akte im Berliner Geheimen Staatsarchiv erzählt, wie er am Nachmittag des 2. November 1715 mit einem Kommilitonen auf dem Neumarkt in Halle einige Kannen Bier trank. Auf dem Heimweg artete ein Wortwechsel zwischen beiden in einen heftigen Streit aus. Beide gerieten mit dem Degen aneinander. Weil er den anderen so schwer verletzte, dass dieser noch in derselben Stunde verstarb, musste Becker aus Halle fliehen und sich vor der Justiz verbergen. 34-jährig musterte er 1722 als Soldat in Amsterdam bei der VOC an. Sein Schiff „Koning Karel de Derde“ legte am 9. Januar 1723 mit 225 Seeleuten und Soldaten ab, nahm Kurs auf Ceylon, ankerte vom 12. April bis 1. Mai 1723 am Kap der Guten Hoffnung und traf am 30. November 1723 auf Ceylon ein. Becker starb nach mehr als acht Jahren Dienst 1732 in Asien.

Was hat die Männer veranlasst, die Strapazen und Gefahren einer manchmal ein ganzes Jahr währenden Seereise auf sich zu nehmen, um in einem für sie mörderischen Klima für fremde Interessen zu kämpfen und zu sterben? Der Wunsch, ferne Länder zu bereisen, Lust am Abenteuer, Armut und Not zu entfliehen und vielleicht einen gewissen Wohlstand zu erlangen, einer drohenden Bestrafung oder dem Kriegsdienst, den verhassten Werbern, zu entkommen, das waren wohl einige der Gründe.

Unsere Kenntnis von den Ostindienfahrern stammt zum geringeren Teil aus alten Zeitungen oder Akten. Für Ellrich sind es vor allem die im Nationalarchiv der Niederlande aufbewahrten Schiffssoldbücher, mit deren Hilfe in den Jahren 2000 bis 2011 eine umfangreiche Datenbank erarbeitet wurde. Für jedes ausfahrende Schiff wurde ein Soldbuch angelegt, für jeden Matrosen, Soldaten, Offizier oder Handwerker je eine Doppelseite. Links wurden seine Schulden, rechts wurde sein Guthaben eingetragen. Aus dem 18. Jahrhundert sind nahezu alle Bücher, 2.797 Bände von 2.950 Ausreisen, erhalten geblieben.

Nur wenige Ostindienfahrer, die überlebten, haben nach ihrer Heimkehr ihre Erlebnisse aufgeschrieben und veröffentlicht. Sie vermitteln einen Eindruck von ihrem schweren Lebens in der Ferne, das nur für wenige ein gutes Ende nahm. Anhand dieser Reiseberichte verfolgt das vorliegende Buch den Weg der Männer von ihrem Dienstantritt bis zu ihrem Tod in Asien bzw. ihrer Rückkehr in die Niederlande.

Zum Buch: „Einer von drei Männern kehrte nur zurück. Nordthüringer im Sold der Niederländischen und Englischen Ostindien-Kompanie (1680 bis 1800)“

Es erschien in der Schriftenreihe der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung. Die in dieser Reihe erschienenen Bücher werden kostenlos an größere Bibliotheken und Archive verschickt. Ein kleinerer Teil gelangt in die Buchhandlungen. Autorenhonorare werden nicht gezahlt. ISBN: 978-3-930558-32-2; Preis: 19.90 Euro

 

Abbildung: Titelbild des Buches

 

Peter Kuhlbrodt, Nordhausen, 8. August 2017