Schriftgröße: [normal] [groß] [größer]
 
Ellrich - eine Stadt in Bewegung
 

Ansprache Gedenkveranstaltung 73. Jahrestag der Befreiung KZ Mittelbau-Dora, Außenlager Ellrich-Juliushütte am 10.04.2018

Ellrich, den 10.04.2018

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Dr. Hördler,

sehr geehrter Herr Landrat Jendricke,

verehrter Kollege Haberlandt,

liebe Zeitzeugen, verehrte Gäste,

 

 

Wer heute durch Deutschland oder Europa fährt, dem fällt es schwer, in den idyllischen Landschaften, den schönen Dörfern und in den lebendigen Städten die Schauplätze von Krieg und der totalitären Diktaturen und Gewalt des 20. Jahrhunderts zu erkennen. Doch tatsächlich gibt es kaum einen Ort, der im vergangenen Jahrhundert nicht Schauplatz von Krieg, Gewalt, Terror und Mord war, von leid, Scham und Trauer – aber auch von Verdrängen und Verleugnen.

 

So sollte es Jahrzehnte dauern, bis der von Deutschland betriebene Völkermord an den europäischen Juden, an Sinti und Roma und die Ermordung von angeblich „lebensunwerten“ Menschen zu einem wesentlichen Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur wurde.

 

Während man im Osten mit der „Befreiung vom Faschismus“ eine praktikable Formel der Entschuldigung und Nichtverantwortung anbot, fand in der damals jungen Bundesrepublik eine politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zunächst nur sehr begrenzt statt. Die Gerichte reagierten auf die Versuche der Aufklärung mit zahllosen Verfahrenseinstellungen, Freisprüchen und einer milden Urteilspraxis. Das Erbe der Nürnberger Prozesse wurde zum Teil schroff abgelehnt. Tatsächlich wurden in der Bundesrepublik nur wenige Deutsche zur Verantwortung gezogen.

 

Insgesamt gab es in der Bundesrepublik und der DDR mehr als 53.000 einzelne Verfahren wegen NS-Verbrechen. Mehr als zwei Drittel davon in Westdeutschland, die übrigen in der DDR, deren Justiz freilich kein einziges rechtsstaatliches Verfahren durchführte, sondern stets im Sinne der SED entschied.

Dieses Vorgehen hatte verschiedene Gründe. Viele Juristen in Westdeutschland in den 50er und 60er Jahren waren bereits vor 1945 im Amt gewesen. Sie waren gehemmt oder sogar unwillig, das Thema NS-Verfolgung anzugehen, denn damit rückte zwangsläufig ihre eigene Rolle in den Vordergrund. Andererseits halfen immer wieder Prinzipien des Rechtsstaates den Tätern, ihrer gerechten Strafe zu entkommen.

So galt jahrzehntelang bei der Abwägung von Strafbarkeiten der Grundsatz, dass nur konkrete beweisbare Unterstützung von Gewalttaten als Beihilfe zum Mord bestraft werden durfte.

 

 

Das änderte sich jedoch im Prozess gegen einen früheren Wachmann des Vernich­tungs­lagers Sobibor, Iwan Demjanjuk. Hier entschied das Landgericht München im Jahre 2011, dass der schiere Dienst in einer Todesfabrik der SS ausreichte, das der Straftatbestand der Beihilfe zum tausendfachen Mord erfüllt ist. Erst diese Auslegung ermöglichte es auch, die Anklage unter anderem gegen den Auschwitzer SS-Unterscharführer Oskar Gröning zu erheben. Mehr als 71 Jahre nach der Tat werden Beteiligte zur Verantwortung gezogen – das hat es nie zuvor in der Weltgeschichte gegeben. Eine gute Entwicklung im Rahmen der Rechtsprechung!  

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

 

nur wenn wir uns auch der Aufarbeitung stellen, können wir das Gedenken vor Vereinnahmungen schützen, die aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer machen wollen und Fragen nach Verantwortung und Schuld nicht zulassen.

Ich danke Ihnen.

 

Matthias Ehrhold

Bürgermeister

 

(Der MDR berichtet heute um 19:00 Uhr im Thüringenjournal über die Gedenkveranstaltung.)

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Ansprache Gedenkveranstaltung 73. Jahrestag der Befreiung KZ Mittelbau-Dora, Außenlager Ellrich-Juliushütte am 10.04.2018